Corona

Nachricht Homeoffice, 26. Mai 2020

Freu dich, junger Mensch! Sei glücklich, solange du noch jung bist! Tu, was dir Spaß macht, wozu deine Augen dich locken!
(Prediger 11,9)

Freuen und glücklich sein, das ist im Moment für mich sehr schwer. Der Himmel über meinem Kopf ist sehr beengt. Ich verzichte auf Besuche von Freund*innen, Spieleabende finden per Videokonferenz statt, ich musste Freizeiten absagen und kann mich auch dienstlich mit niemandem treffen.
Ich verzichte, weil mir die Menschen, denen ich begegne wichtig sind. Das Team des Kirchenkreisjugenddienstes (KKJD) verzichtet, weil wir Verantwortung für andere tragen.
Und so kommt es, dass wir alle Veranstaltungen bis auf weiteres abgesagt haben und auch unsere Sommerfreizeiten nicht stattfinden können. 

Wir freuen uns aber um so mehr, dass wir euch trotzdem hören und manchmal sogar sehen können. Unser KKJK trifft sich zu etwas anderen Sitzungen, die Mitarbeiterkreise treffen sich zum Teil häufiger als vor Corona und #HimmelimKopf bringt Menschen zusammen, die sich im „normalem“ Leben nie begegnet wären. Und so können wir zumindest teilweise das tun, was uns Spaß macht und wozu uns unsere Augen locken. Trotzdem muss ich auf viel verzichten. Müsst ihr auf viel verzichten. 

In den letzten Wochen war von Jugendlichen nur die Reden, wenn es darum ging, wann ihr endlich wieder in die Schule gehen könnt. Eurer Verzicht und eure Wünsche waren in der öffentlichen Diskussion kein Thema. Daher war ich sehr gerührt, als ich von einer Rede des Norwegischen Ministers für Gesundheit und Pflege Bent Høie an Norwegens Jugend hörte. Schöner kann ich es nicht sagen. Hier ein Auszug:

„[…] In der jetzigen Situation hat man bereits vielen Menschen für ihr Engagement gedankt. Jetzt ist es höchste Zeit, dass wir unseren jungen Leuten danken. Sie haben große Opfer gebracht.

In der letzten Zeit waren viele Erwachsene verzweifelt, weil es verboten war, ihre (Ferien-)Hütte zu benutzen. Und sie waren frustriert vom Homeoffice. Das kann ich gut verstehen! Aber die Hütte steht ja ganz einfach nur da und wartet auf dich. Und auch wenn du zu deinem Arbeitsplatz zurückkehrst, findest du ihn ungefähr so vor, wie du ihn verlassen hast. So ist das aber nicht, wenn du jung bist!
Der Frühling, in dem Du 14 wirst, wartet nicht einfach auf dich, bist du wieder zurück bist. Es ist nicht möglich, in den Sommer zurückzukehren, in dem du 17 warst. Für die Abiturientenzeit gibt es keine Wiederholungstaste.
Wir Erwachsenen sprechen über den nächsten Sommer. Aber der nächste Sommer ist was für Männer im mittleren Alter, die Hackfleisch und Toilettenpapier kaufen, wenn es Sonderangebote gibt.

Wenn du jung bist, gibt es keinen nächsten Sommer.

Wenn du jung bist, kümmerst du dich nur darum, was heute und morgen passiert. Du träumst davon, was diesen Sommer und diesen Frühling geschehen wird.
Du träumst von der Fußballmeisterschaft: Da wirst du ein Tor schießen, das die Welt noch nicht gesehen hat.
Du träumst von der Klassenfahrt: Da wirst du allen Mut zusammennehmen und mit dem süßesten Jungen der Klasse flirten.
Du träumst vom Schulball: Da wirst du bis spät in die Nacht in dem teuren Kleid, um das du ein Jahr lang betteln musstest, tanzen.
Du träumst von der Abiturientenzeit: Da wirst du richtig Party machen, im coolsten Abiturientenbus und im allertollsten Abiturientenanzug.

Aber dann kam das Virus, das alle Träume zerstört hat.

Keine Fußballmeisterschaft. Keine Klassenfahrt. Kein Schulball. Und der Russ*bus ist gerade mal einen Meter weit gerollt.
Außerdem ist es unmöglich, sich zuhause auf den digitalen Unterricht zu konzentrieren, weil deine Eltern bei ihren beruflichen Skype-Besprechungen so laut reden.
Ich würde euch jungen Leuten gerne sagen, dass bald alles wie früher sein wird. Aber das kann ich nicht.
Dieses Frühjahr wird anders.
Dieser Sommer wird anders.
Dieses Jahr wird anders.
Ihr seid die jungen Leute, die Dinge anders machen müssen.
Ihr habt euer Leben in Wartestellung versetzt - damit andere überleben.
Ich hoffe, ihr tanzt, auch wenn es keinen Schulball gibt.
Ich hoffe, ihr schießt tolle Tore, auch wenn es keine Fußballmeisterschaft gibt.
Ich hoffe, ihr flirtet mit süßen Jungs und süßen Mädchen, auch wenn es keine Klassenfahrt gibt.
Ich hoffe, ihr habt eine coole und schöne Abiturientenfeier, auch wenn die anders als sonst sein wird.
Eine sonderbare Zeit.
Ich hoffe, sie kann trotzdem schön werden.

Herzlichen Dank an alle jungen Leute in Norwegen. […]“