An(ge)dacht

„Du bist ein Gott, der mich sieht“

(1. Mose 16, 13)

Ich bin viel spaziert von März bis Mai. Mein Ziel war jeden Morgen eine Runde und das hat ziemlich oft geklappt. Manchmal war mein Bett aber auch zu verführerisch. Den See habe ich für mich entdeckt und dabei heute zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Menschen getroffen, die ich erkannt habe. Wir haben uns gegrüßt, manche wussten mich nicht recht einzuordnen war mein Gefühl und trotzdem war es einfach nett -  Sich sehen und gesehen werden.

Ich habe Lächeln geschenkt bekommen, ein fröhliches oder erschöpftes (weil joggend) Moin oder die Frage, wie es mir so geht. Fremde und trotzdem verbunden. Oder lag es an meiner crazy Jacke aus den 80ern? Vielleicht hat die auch das ein oder andere Schmunzeln entlockt. Egal. Sehen und gesehen werden.

Sehen und gesehen werden. Das klingt oft negativ. Erinnert mich an Schulzeiten, an coole neue Turnschuhe (hatte ich nie), an die ersten Partys und zaghaft den Dancefloor erkunden, Social Media (Generation facebook): was für Bilder poste ich, wie stelle ich mich dar? Dann irgendwann auschecken, wer die wirklich Coolen sind. Das habe ich erst im Studium verstanden glaube ich. Auch da: sehen und gesehen werden.

Aber es meint auch so viel mehr: „Du bist ein Gott, der mich sieht“ steht in der Bibel und meint: Spiegeln in Gottes Augen, Gott sehen und von Gott gesehen werden. Als Menschen sehnen wir uns danach, angenommen, wahrgenommen zu werden. Sie ist groß diese Sehnsucht.

Gesehen werden geht auf Social Media ganz einfach: Bilder oder Storys posten und dann warten, zuschauen, wie die Zahl der Herzen und gesehen steigt. Ein Push fürs Selbstbewusstsein. Aber ersetzen tut es nicht diesen Blick der spiegelt, mich selber in den Augen meines Gegenübers zu sehen, mich angenommen, wahrgenommen fühlen.

Auch durch die Masken ist es anders geworden. Es ist schwerer, jemand ganz zu erfassen, die Gefühle zu deuten. Bei Videochats kann ich niemandem richtig in die Augen schauen. Das fehlt mir. Und dann aber dieses aufrichtige Lächeln, unverhofft am See, im Supermarkt, auf der Straße. Augen die sagen: Ich sehe dich. Ich merke, ich bin nicht nur Angesehende, sondern auch Sehende. Im Ansehen entsteht eine Beziehung, zu meinem Gegenüber, zu Gott - "Du bist ein Gott, der mich sieht". Wann ist dir Gott in den Augen deines Gegenübers begegnet?

Franziska